Dieser Text bietet einen kurzen Überblick über unsere erste Auswertung der Geschenisse um die Besetzung von 3D (+ 3A und 3B). Wir wollen diese Gedanken öffentlich machen, um zu einer hoffentlich lebhaften Diskussion über das weitere Vorgehen beizutragen. Selbstverständlich ist uns auch einige Kritik eingefallen, die uns aber freilich in den allermeisten Fällen auch selbst trifft.
Als besonders problematisch erscheint uns, dass irgendwann ein Punkt erreicht war, an dem der bloße Wille weiterzumachen, die Reflexion über das eigene Handeln überholt hatte. Unserer Meinung nach waren zu viele Fragen und Probleme noch nicht ausreichend geklärt, als dann schon wieder ausgemacht war, erneut zu besetzen. Besonders unschön war sicher die mangelnde Anschlussfähigkeit bei denjenigen Studierenden, die bisher nicht Teil der Gruppe der Besetzer_innen waren. Täglich kamen Studierende in den Hörsaal und wussten nicht, wie sie sich einbringen sollten. Trotz der Infowand und den Programmen war für Außenstehende unklar, was gerade passiert und wie sie sich einbringen können. Offensichtlich ist die Hemmschwelle nachzufragen, wie man noch helfen kann, zu groß für Neue, die in einen Raum voller Leute kommen, die sich untereinander kennen. Auch die Veranstaltungen (Konzert, Party, Vorträge etc.) waren meist nur von den Besetzer_innen und deren Bekannten besucht. So beeindruckend es war, wie schnell immer wieder Flyer erstellt und verteilt wurden, ist das Programm bei der Mehrheit der Studierenden leider nicht angekommen.
Eine Ursache dafür stellte sicher dar, dass wir zum Teil nur noch etwa zwanzig Leute waren, die sich schon darum kümmern mussten, die Besetzung überhaupt aufrecht zu erhalten. So kam die öffentlichkeitswirksame Arbeit direkt auf dem Campus natürlich zu kurz. Damit soll selbstverständlich niemand angeklagt werden, die oder der keine Pflichtkurse verpassen oder auch mal zu Hause schlafen wollte.
Die Fragebögen zur Ermittlung der Probleme bisher noch nicht Streik-aktiver Studierenden sind ein prima Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus würden wir uns freuen, mithelfen zu können, wenn es daran geht, ein Konzept zu erarbeiten, wie nächstes Mal eine demonstrativere Offenheit erzielt werden kann. Gleiches gilt für selbstorganisierte Seminare und Vorträge, da es zwar sehr nett und hilfreich ist, wenn sich Dozenten anbietenden Vorträge zu halten, aber die Idee selbstgestalteter Bildung erfordert, die Sache noch öfters selbst in die Hand zu nehmen.
Super war auch die Demo durch die Mensa. Wenn wir es schaffen, mit immer wieder neuen, anschlussfähigen Aktionen aufzutreten, würde noch deutlicher, dass wir den Campus vollständig und zu jeder Zeit für die Studierenden beanspruchen und nicht nur einen bestimmten Hörsaal für eine kurze Weile. (Was uns spontan einfiel: Spontanparties mittags in der Phil.-Fak., Blockaden, z.B. auf der Zufahrtsstraße zur Uni, neu konzeptionierte Flashmobs, Videobotschaften und weitere kurzfristige Beteiligungsmöglichkeiten für sympathisierende Studis, die nicht mitbesetzen können oder wollen, wie z.B. Soli-Buttons)
Neben den Problemen der Vermittlung nach außen, hatten wir ja nun auch intern immer wieder unglückliche Auseinandersetzungen und Unklarheiten über Umsetzung, Bedeutung und Ziel der Besetzung. Gerade solche Hilflosigkeit bei der Deutung des eigenen Handelns macht klar, wie wenig Raum an der Universität bisher war, sich jenseits vorgezeichneter Formen zu engagieren. Unter anderem deswegen brauchen wir weiterhin Freiräume, um uns in Debatte und Praxis anzueignen, was anderswo vielleicht schon Selbstverständlichkeit war oder ist.
Besonders albern waren in dem Zusammenhang die immer wieder aufkommenden Stimmen, man sollte die Besetzung “unpolitisch und unideologisch” zu halten. Es ist Ausdruck eines völlig zerrütteten Politikverständnisses, wenn die eigene, freie politische Betätigung schon gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird und als “Politik” von vornherein nur gilt, was jenseits des direkten eigenen Einflusses in irgendwelchen Parteien passiert. Was Ideologie angeht: Ideologiekritik halten auch wir für überaus wichtig. Die perfideste Ideologie dürfte aber wohl immer die sein, die von der Mehrheit gar nicht mehr als solche wahr genommen wird.
Es ist von Studierenden zu erwarten, dass sie nicht einfach nur bemängeln, was ihnen nicht passt, sondern sich näher mit den Hintergründen dieser Misstände beschäftigen. Gerade die genaue sachbezogene Auseinandersetzung erfordert aber, Bildung in ihrem gesellschaftlichen Kontext wahrzunehmen. Insofern war die immer wieder laut werdende Aufforderung, sich nur auf ganz konkrete Missstände zu beziehen, immer ein Ruf danach, das Denken einzustellen, bevor man überhaupt einigermaßen verstanden hat, wogegen man überhaupt protestiert. Wollen wir (weiterhin?) ernst genommen werden, können wir uns nicht darauf beschränken, uns an den nackten Forderungen als Minimalkonsens festzuhalten, sondern brauchen mehr Debatten über die gesellschaftlichen Hintergründe der Bildungsmisere. Wir sind uns natürlich bewusst, dass egal zu welchen Schlüssen man dabei kommt, es immer Leute geben wird, die sie nicht teilen. Trotzdem denken wir, dass wir langfristig mehr Rückhalt unter den Studierenden haben werden, wenn wir Substanzielleres anbieten können als bloße Benennung dessen, was praktisch falsch läuft – das wissen die meisten selbst.
Mit solidarischen Grüßen,
Kritik&Aktion: Linke Gruppe
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